Projektwoche in Timișoara

Sonntag, 14.09.2025

Reisetag! Auf dem Weg nach Budapest trafen sich immer mehr Leute – die ersten im Nachtzug nach Wien, dann weitere im Zug nach Budapest und am Bahnhof, die letzten stießen dann vor Ort dazu. Trotz Regenschauer hatten wir die Gelegenheit etwas die Stadt zu erkunden und beim gemeinsamen Abendessen über Erwartungen, Wünsche und Perspektiven des deutsch-rumänischen Austauschprojekts ins Gespräch zu kommen.

Montag, 15.09.2025

Mit großen Erwartungen erreichte die deutsche Reisegruppe am Montag den Bahnhof in Timișoara – mit nur einer Stunde Verspätung. So musste sich noch niemand an neue Maßstäbe von Pünktlichkeit gewöhnen, und auch der Kulturschock blieb zunächst aus. Am Bahnhof wurden wir von zwei der rumänischen Organisatorinnen und Organisatoren empfangen, die uns den Weg ins Kolping-Haus zeigten. Bereits von der Straßenbahn aus bekamen wir einen ersten Eindruck von der wunderschönen Altstadt. Nach dem Mittagessen begannen wir im Kolping-Haus mit Kennenlernspielen, ganz im Sinne der socioMovens-Tradition. Anschließend stellten sich die Kolping-Organisation sowie die Gruppen Step-in und Campus Weggemeinschaft vor. Am Abend besuchten wir in der Nähe eine „Ruga“, ein traditionelles Fest zu Ehren des Namenspatrons der Stadt. Dort erwarteten uns laute Musik, viel Tanz und gutes Essen. Nach diesem offenen und herzlichen Empfang kehrten wir voller Eindrücke zurück und fielen müde, aber gespannt auf das kommende Programm, ins Bett.

Dienstag, 16.09.2025

Der Tag begann mit dem Morgenimpuls unter dem Motto „Make a difference“. Nach dem Frühstück vertieften wir durch weitere Kennenlernspiele die Kontakte und kamen mit den rumänischen Teilnehmenden ins Gespräch. Zur Vorbereitung auf unseren Besuch in einer Obdachlosenunterkunft erstellten wir in Kleingruppen eine Einkaufsliste mit Dingen, die dort gebraucht werden könnten und diskutierten diese in Kleingruppen. Der Nachmittag war gefüllt mit Spielen und gemeinsamer Zeit, bevor wir zur NGO LOGS aufbrachen. Diese Organisation unterstützt Geflüchtete in vielfältiger Weise. Nach einem Hintergrundgespräch halfen wir dort bei einem Abendprogramm für Kinder mit Popcorn, Crêpes und einer Clown-Show aus dem Libanon. Die Lachtherapie tat nicht nur den Kindern, sondern auch uns gut. Den Abend verbrachten wir in der Innenstadt von Timișoara beim gemeinsamen Essen und Austausch. In der Reflexion teilten wir unsere Eindrücke und hielten fest, wie gut es sich anfühlt, aktiv mitanzupacken und einen „difference“ zu bewirken.

Mittwoch, 17.09.2025

„You cannot add days to your life, but life to your days.“

Mit diesem Leitgedanken begann unser Tag. Wie jeden Morgen bestimmten wir ein Motto, diesmal vorgestellt von Daria: „Take care of all“. Es sollte uns daran erinnern, niemanden auszulassen und die Gemeinschaft im Blick zu behalten. Am Vormittag besuchten wir ein Hospiz, das von Franziskanerinnen geleitet wird. Dort übernehmen sie die medizinische wie auch psychologische Betreuung der Patientinnen und Patienten. Die Schwester zeigte uns das Gelände mit seinem schönen Garten und berichtete, dass ihr Hospiz mit zehn Plätzen eine Seltenheit in Rumänien sei. Besonders bewegte uns ein Buch, in dem jeder verstorbene Patient seinen eigenen Eintrag erhält, damit niemand in Vergessenheit gerät. Ihr ältester Patient war 107 Jahre alt, der jüngste 24. Die persönlichen Geschichten über letzte Vergebungen und familiäre Schicksale hinterließen tiefe Eindrücke. Auch Fragen wie „Wollt ihr wissen, wann und wie ihr sterbt?“ oder „Habt ihr Angst vor dem Tod?“ regten uns zum Nachdenken an. Nach dem Mittagessen sprachen wir in Kleingruppen über unsere Eindrücke. Anschließend stand ein Austausch zum Thema Religion in Deutschland und Rumänien auf dem Programm. Wir diskutierten über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, unter anderem über die Rolle der Frau sowie über verschiedene Traditionen in orthodoxer, evangelischer und katholischer Kirche. Am Nachmittag besuchten wir eine katholische Messe in der Kathedrale von Timișoara. Den Abend ließen wir mit einer stillen Reflexion im Kerzenschein ausklingen.

Donnerstag, 18.09.2025

Heute standen zwei große Programmpunkte an: der Besuch einer Wohnungslosenunterkunft und das Museum der Revolution von 1989. Am Vormittag besuchten wir ein „Homeless Shelter“ in Timisoara. Dort können Bewohner bis zu zwei Jahre leben, erhalten Unterstützung beim Umgang mit Geld, juristische Beratung und Hilfe bei der Rückkehr in ein eigenständiges Leben. Die Leiterin beeindruckte uns mit ihrem Engagement und verkörperte das Tagesmotto „Do your best“. Sie schilderte uns den Alltag der Einrichtung und erzählte von Erfolgen wie auch Rückschlägen. Besonders bewegte uns die Geschichte eines Mannes, der nach seiner Zeit im Shelter Arbeit fand, ein eigenes Haus kaufen konnte und so zu einem selbstbestimmten Leben zurückkehrte. Beim Gespräch mit den Bewohnern fiel uns auf, wie sehr sie sich über unseren Besuch freuten. Einer sagte sogar, er fühle sich „wie ein Star“. Gleichzeitig machten uns manche Schicksale, wie das eines ehemaligen Pflegemitarbeiters aus Deutschland, der nach einer schweren Erkrankung in Rumänien obdachlos wurde, sehr betroffen. Am Nachmittag besuchten wir das Museum der Revolution von 1989. Viele von uns hatten zuvor kaum Wissen über das Ceaușescu-Regime. Umso eindrücklicher war es, über die Geschehnissen in Timișoara zu erfahren, die zum Sturz des Regimes führten. Wir lasen die Namen der willkürlich erschossenen Menschen, darunter Jugendliche in unserem Alter und sogar ein zweijähriges Kind. Besonders berührend waren die Briefe von Eltern an ihre ermordeten Kinder. Später entdeckten wir noch Einschusslöcher an Häusern und Denkmälern in der Stadt – eine eindringliche Erinnerung daran, dass diese Ereignisse erst 36 Jahre zurückliegen und noch sehr präsent sind. Am Abend teilten wir unsere Erfahrungen im Lichte des Mottos „Do your best“ und ließen den Tag bei Kartenspielen ausklingen.

Freitag, 19.09.2025

Der Tag begann mit einem Morgenimpuls zum Motto „Hang in“, das uns ermutigte, dranzubleiben und Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Anschließend besuchten wir das Rathaus von Timișoara. Dort wurden unsere Fragen zu Nachhaltigkeit, Stadtentwicklung und jungem Engagement ausführlich beantwortet. Wir fühlten uns durch die herzliche Einladung sehr willkommen. Danach nahmen wir an einer historisch-politischen Stadtführung teil, bei der wir viel über die Geschichte Timișoaras erfuhren. Im Anschluss erkundeten wir die Stadt in Kleingruppen und sammelten beim gemeinsamen Mittagessen weitere Eindrücke von der rumänischen Kultur. Am Abend reflektierten wir den Bezug zum Motto „Hang in“ und ließen die Arbeitswoche bei einer gemütlichen Spielrunde ausklingen.

Samstag, 20.09.2025

Am Samstag, unserem letzten gemeinsamen Programmtag, starteten wir mit dem Morgenimpuls zum Motto „Celebrate – Enjoy the others’ success as much as your own“. Nach dem Frühstück beschäftigten wir uns mit unserem bisherigen Engagement sowie mit weiteren Möglichkeiten, uns in diesem Kontext einzubringen. Dazu wurden uns Projekte vorgestellt, an denen bereits Teilnehmende unserer Gruppe mitgewirkt hatten, und wir erhielten Einblicke, wie wir uns künftig ebenfalls engagieren können. In Kleingruppen wie auch im Plenum tauschten wir Ideen aus, gaben Rückmeldungen und verabredeten uns zu gemeinsamen zukünftigen Engagement. Da dieser Tag zugleich den inhaltlichen Abschluss der gemeinsamen Woche markierte, nahmen wir uns viel Zeit zur Reflexion. Dies geschah auf unterschiedliche Weise: durch eine Umfrage, durch ein „Barometer“ mit Leitfragen, durch das Sammeln von Anregungen für die Organisation zukünftiger Veranstaltungen sowie durch das Teilen lustiger Erinnerungen aus der Woche. Besonders persönlich wurde es beim “Shower of Compliments” im Eins-zu-Eins-Gespräch. Zudem erinnerten wir uns daran, welche kulturellen Eigenheiten wir voneinander gelernt hatten – und setzten dies gleich in die Praxis um, indem wir im Park gemeinsam Disco-Fox und rumänische Volkstänze tanzten. So gelang es, organisatorischen, fachlichen und persönlichen Austausch mit einem schönen Abschied zu verbinden. Am Abend gingen wir gemeinsam in ein serbisches Restaurant und teilten anschließend im Park ein letztes Mal unsere Gedanken zum Tagesmotto, bevor am nächsten Vormittag nach einem “Farewell-Brunch” die jeweiligen Heimreisen anstanden.