29. Dezember 2014

Soziale Seminare

“Ich weiß genau, wieso manche Menschen Drogen nehmen: Sie spüren ein inneres Loch und das versuchen sie durch Drogen zu stopfen” – Es sind Aussagen wie diese, die in nur einem Augenblick den Sinn des sozialen Seminars auf den Punkt bringen. Der 15-jährige Schüler, der das sagte nimmt seit etwa einem halben Jahr an dem Kurs teil, der gemeinsam von der Stiftung beneVolens und der Campus-Akademie an der Hauptschule Dortmund Wickede durchgeführt wird und er beweist damit, dass er ein wichtiges Ziel des Seminars schon erreicht hat: mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Insgesamt nehmen 18 Schüler/innen zwischen 15 und 17 Jahren an dem Seminar teil. Ein Jahr lang treffen wir uns jeden Donnerstag, um Themen zu bearbeiten, die die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen prägen oder in naher Zukunft auf sie zukommen werden. Denn alle teilnehmenden Schüler absolvieren zur Zeit ihr letztes Schuljahr. An dessen Ende werden die Schüler dann, so ist zu hoffen, verschiedene Abschlüsse im Spektrum von Förder- bis Realschule machen. Einige werden vermutlich ohne Abschluss die Schule verlassen. Die allerwenigsten haben eine konkrete Perspektive für die unmittelbare Zukunft nach der Hauptschule, kaum jemand hat einen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Dazu kommen oftmals schwierige Situationen im familiären Umfeld. Kurz gesagt: Diese Jugendlichen haben einen schweren Stand.

Wir bieten Unterstützung für Hauptschüler

Seit September 2014 setzen sich Mitglieder der Campus-Weggemeinschaft für diese Jugendlichen ein. In der Überzeugung, dass eine Förderung des Gemeinwohls nur durch Dialog und persönlichen Einsatz zu erreichen ist, bringen die Studenten Themen wie soziale Teilhabe, ökologische und soziale Nachhaltigkeit, Rassismus und Drogensucht ins Gespräch mit den Jugendlichen, untersuchen die Mechanismen von Wirtschaft und Arbeitswelt und stellen immer wieder die Frage, wie man als mündiger Bürger und Mensch sein Leben verantwortungsvoll in der Gesellschaft leben kann. Das Ergebnis ist eindeutig: “Nach einer Zeit des gegenseitigen Kennenlernens ist eine Vertrauensbasis gewachsen, auf der ein richtiger Gesprächsprozess über die ernsten Themen des Lebens stattfindet. Ohne den Leistungsdruck von Schulunterricht lernen die Jugendlichen so, wie sie ihr eigenes Leben in die Hand nehmen und dafür Verantwortung übernehmen können. Außerdem ist es auch für mich eine große Bereicherung, ihnen beim stark-werden zu helfen”, sagt Jakob Ohm, der seit September 2014 die wöchentlichen Treffen in der Schule koordiniert. Neben den wöchentlichen Einheiten werden drei mehrtägige Blockveranstaltungen durchgeführt, bei denen zu einzelnen Aspekten besonders intensiv gearbeitet wird: Ein Wochenende dient der allgemeinen Einführung in politische Vorgänge, die den Jugendlichen anhand spielerischer Übungen nahegebracht werden. Darüber hinaus findet ein viertägiger Workshop zum Thema Globalisierung statt, bei dem die Schüler verschiedene Bereiche dieses Phänomens untersuchen und auf ihre Lebenswirklichkeit beziehen. „Es war interessant zu merken, dass das neue Lernumfeld – d.h. nicht in der Schule, sondern in der Kommende in Dortmund mit den Schülern zu arbeiten – die Aufnahmebereitschaft und Mitarbeit erhöht haben. Verbunden mit der Tatsache, am Ende der Workshops keinen faktenbasierten Test schreiben zu müssen, ist es so möglich, die Schüler für die unterschiedlichen Themen zu sensibilisieren und zum Nachdenken anzuregen. Schon das ist eine Menge wert.“ fügt Jana-Maria Keine an, die die Einheit zur Globalisierung begleitete.
Besonders hervorzuheben ist auch das Wochenende zur Drogen- und Suchtprävention, das in Kooperation mit der Fazenda da Esperanca durchgeführt wird. So soll einer besonderen Anfälligkeit für Süchte und Abhängigkeiten, die aus der Lebenssituation der Schüler resultiert, Vorschub geleistet werden.

Zwar ist der Erfolg eines Projektes wie des sozialen Seminars nur schwer zu bemessen, es ist aber deutlich spürbar, dass die Jugendlichen ein immer besseres Gefühl dafür bekommen, was es bedeutet, Protagonist im eigenen Leben zu sein. Deshalb ist auch die Campus-Weggemeinschaft entschlossen und freut sich darauf, diesen Weg mit Jugendlichen, die oft am Rand unseres Bewusstseins stehen, weiter zu gehen und so am Aufbau einer vereinten Gesellschaft mitzuwirken.

Text von Jana-Maria Keine und Jakob Ohm
Foto: Jakob Ohm