Unheiliges Heiliges Land – Campus in Israel und Palästina

Klagemauer in Jerusalem

Klagemauer in Jerusalem

März 2011, Israel. Von der kargen, steinigen und nahezu menschenleeren Wüste Negev bis hinauf zu den grünen Höhen des Golan und der Idylle des See Genezareth, von den pulsierenden Metropolen Tel Aviv und Haifa am Mittelmeer bis zur Jordanischen Grenze und dem Toten Meer: Dies ist der Landstrich, den wir oft „Heiliges Land“ nennen, das Land, in dem Jesus wirkte, in dem sich die biblischen Geschichten zutrugen und wo sie aufgeschrieben wurden. Eben dieses Land, welches heute israelisches Staatsgebiet ist. Ein umstrittenes und blutig umkämpftes Gebiet, insbesondere seit der israelischen Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948. Im Herzen dieses Gebietes und auch immer wieder im Zentrum des Konfliktes liegt Jerusalem, heilige Stadt für drei Weltreligionen. Für Christen der Ort des Leidens und der Auferstehung Jesu Christi, für Juden der Ort des zerstörten Tempels, der mit der Ankunft des Messias wieder errichtet werden soll und für Muslime der Ort der Himmelfahrt Mohammeds und drittheiligste Stätte im Islam. Aber eben auch ein Ort der Teilung und der Zwietracht. Zwischen den Religionen genauso wie zwischen den politischen Ausrichtungen. Bewegt man sich durch die Altstadt, so verändert sich von Zeit zu Zeit das Stadtbild, plötzlich trifft man auf andere Menschen, andere Geschäfte, andere Häuser – hat man denn eine Grenze überquert? Nicht wissentlich und nicht sichtbar, aber dennoch hat man es getan, indem man schlendernd und fasziniert von der dichten Atmosphäre ganz unbewusst ein Stadtviertel verlassen und ein anderes betreten hat.

Zwischen den einzelnen Vierteln ist die ideologische Trennung förmlich spürbar, die die Stadt über Jahrzehnte hinweg geprägt hat und die so unüberwindbar scheint wie die Mauern der Westbank. Jene ungefähr 800 Kilometer lange und stetig wachsende Grenzbefestigung, welche auch wir von unserem Quartier in St. Peter in Gallicantu bereits am Tag der Ankunft in der Ferne wahrnehmen. Es sind insbesondere die intensiven Eindrücke der speziellen politischen und religiösen Konfliktkonstellation in Israel, die die Fahrt der Campus-Weggemeinschaft ins Heilige Land 2011 prägen. Die Sperranlage rund um die Westbank steht dabei als übergeordnetes Symbol für die ideologische Verhärtung zwischen Palästinensern und ultraorthodoxen Juden. Die eindrucksvollen Schilderungen unserer Gesprächspartner machen uns vor allem deutlich, dass wir keinesfalls pauschal von den Israelis oder den Palästinensern sprechen sollten. Es handelt sich bei beiden Gruppen um keine homogene Einheit mit jeweils kongruenten Weltanschauungen und Konzeptionen, nur leider ist es häufig einfach die Stimme der Radikalen, die insbesondere in der medialen Aufarbeitung überdurchschnittlich oft in die Öffentlichkeit dringt.

Der Funke der Hoffnung auf Frieden, der selbstverständlich mit dem Verweis auf die liberale israelische Jugend oder den Kompromissvorschlägen palästinensischer Gruppierungen einher geht, wird beim Passieren der Grenze nach Bethlehem mehr und mehr zur Utopie. Der Geburtsort Jesu ist zu einem Gefängnis geworden, liegt hinter acht Meter hohen Mauern, Stacheldraht und bewaffneten Checkpoints. Fragen kommen auf. Wie soll hier ein dauerhafter und nachhaltiger Frieden entstehen? Wie ist es zu dieser festgefahrenen Situation gekommen? Fragen, die einer tiefen Reflexion bedürfen.

Auch deshalb begeben wir uns im zweiten Teil der Reise in die grüne Landschaft Galiläas und die Anspannung, die in Jerusalem zu spüren war, weicht der Weite der Landschaft und der Ruhe des Sees. Dieser Ort scheint angemessen für das Wirken Jesu zu sein, hier lässt sich nachfühlen, wie er Fischer zu Jüngern machte und die frohe Botschaft predigte.

Nur stille Zeugen erinnern an die erbitterten Kämpfe, die im Golan einst ausgefochten wurden. Die Mienenfelder, die wir bei unserer Wanderung  links und rechts des Weges hinter uns lassen erinnern uns aber immer wieder daran, dass es noch viel zu tun gibt, bevor auch die Menschen in diesem Land alle gemeinsam den Frieden finden können, den wir in Galiläa gefunden haben, im Gebet, der stillen Wanderung oder der Meditation am See.

Christian Willmes

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